GastPost von Gerald Schwarz, Unternehmensberater Automotive

Ich bin Unternehmensberater im Automotive-Bereich – und das nicht erst seit gestern. Ich berate diverse Automobilhersteller und habe einen Dienstwagen seit 2001 – da war ich 27. Seitdem hab ich in etwa jedes zweite Jahr einen neuen Wagen bekommen.

Und jetzt das: Für meine Freunde vom Cabrio-Portal fahre ich einen 25 Jahre alten Escort Probe. Wie fühlt sich das an?

Escort Cabrio
In the line of Dreier: 20+ Autos sind wahrlich nicht allein auf Deutschen Strassen

Vorab: ich mag den Ford Escort als Cabrio – aus einem ganz sentimentalen Grund: Der Wagen war zufällig mein erstes Auto. Ich machte meinen Führerschein 1992 – und da gab meine Mutter mir ihren Escort, der lächerliche 2 Jahre alt war und kaufte sich ein Audi Cabrio – damals mal ganz ohne Zweifel das coolste, was der Markt hergab an Eleganz – dagegen wirkte selbst der BMW E30 irgendwie ein bisserl matt.

Heute fahre ich den legitimen Nachfolger des Audi Cabrios und finde ihn immer noch unglaublich sexy. Und jetzt setze ich mich in das Auto meiner Teenager-Zeit: Das FordEscort Cabrio… Meiner war damals weiß – der hier ist rot, was cooler ist.

Fensterkurbel
Oh ja – so war das damals

Und er ist unglaublich klein und tief. Waren Autos früher wirklich so niedrig und klein? Sobald Du zwischen zwei aktuellen Autos stehst, kommst Du dir vor wie ein Zwerg. Das gilt in vielerlei Hinsicht auch für die anderen Maße: 185er Reifen galten mal als breit – heute wirken sie zierlich auf mich. Fiestas haben heute solche Räder.

Beim Einsteigen finde ich einen super Platz für das Handy auf dem Armaturenbrett und denke im Hinterkopf irgendwo „Das haben die sich damals praktisch überlegt,“ bis mir aufgeht, dass 1990 kein Mensch ein Handy hatte…

Auf den ersten paar Metern fühle ich mich nicht wohl. Die Spiegel sind nicht optimal justiert und ich habe keinen ausreichend guten Überblick – aber der Wagen hat keine elektrischen Spiegel. Immerhin kann man sie von innen verstellen – aber während der Fahrt komme ich nicht an den rechten Außenspiegel. Also halte ich an undjustiere die Spiegel – ein totaler Albtraum: Dulehnst Dich rüber,justierst den Spiegel, setzt dich wieder hin und stellst fest, dass es nicht passt. Alsolehnst Du dich rüber….

Hier und da haben die Jahre natürlich ihre Spure hinterlassen
Hier und da haben die Jahre natürlich ihre Spure hinterlassen

Oh Mann, das hatte ich echt vergessen. Also runter vom Parkplatz und…. Oha – keine Parkpiepser. Rückwärts fahren war früher tatsächlich komplex. Warte mal – ich hab das doch 20 Jahre lang gekonnt – so schwer kann das doch nicht…. Parkpiepser seit 2005 an meinem Wagen, seit 2006 an dem von meiner Frau. Sie haben mich vollkommen verblödet.

Ich fahre sehr unsicher aus der Parktasche, der Spoiler versperrt den Blick auf das wesentliche. Ich brauch 3 Züge, um aus der Lücke zu kommen. Und Servolenkungen waren 1990 auch noch nicht so komfortabel wie heute. Klimaanlage für diese schweißtreibende Tätigkeit gibt es auch nicht – und die Fenster werden von Hand heruntergekurbelt. das rechte Fenster kann man somit eigentlich nicht während der Fahrt…. Verdammt – wie haben wir das damals nur gemacht?

Und irgendwie scheint einem das doch gar nicht so lange her….

Die Fahrt, auf die ich mich eigentlich freue, macht mich nervös. Der Wagen liegt wackelig auf der Strasse. Das ist Blödsinn – und keiner weiß das besser als ich – aber der Wagen vermittelt dir im Vergleich mit meinem 2014er A5 Cabrio einfach kein sicheres Gefühl. Vielleicht liegt es an den 185ern…

Diese unglaublich praktische Handy-Ablage - unfassbar weitsichtig von Ford im Jahre 1990
Diese unglaublich praktische Handy-Ablage – unfassbar weitsichtig von Ford im Jahre 1990

Oh Mann, ich komme mir komisch vor, obwohl der Wagen sich im Grunde gut fährt. Er ist sogar verhältnismäßig leise. Bei Cabrios stellt sich der Effekt der verbesserten Dämmung im akustischen Bereich nicht so sehr ein, wenn man sie offen bewegt – dadurch ist der Escort hier nicht schlechter als moderne Autos.

Aber er ist sehr weich. Damals waren Cabrios so – selbst der Mercedes SL, Königsklasse des Offenfahrens. Heute wird weit mehr in die Steifigkeit investiert. Davon werden die Autos schwer, aber sie fühlen sich viel satter an.

Und was man auch vergisst: Berge hoch fahren ist nicht so wie heute, wojeder Polo 350 Newtonmeter auf die Welle stemmt. Manchmal musst Du mal runterschalten und die Kraft aus den Drehzahlen holen.

Auto von gestern. Navigation von heute
Auto von gestern. Navigation von heute

Und doch vermittelt Dir der Youngtimer ein anderes Gefühl. Fahren ist hier viel ursprünglicher, viel emotionaler. Der Wagen ist leicht und teilt Dir viel mehr mit. In einem A5 kannst Du kleinere Haustiere überfahren und bekommst nichts davon mit; der rollt einfach drüber. Das leichte Auto von 1990 setzt alles in Agilität und Bewegung um. Beschleunigen bekommst Du mit. Es macht nicht irgendwie Plop und Du bist schnell. Wobei schnell relativ ist. Auf der Autobahn zögere ich etwas oberhalb von 115 KM/H. Gefühlt erscheint mir das schnell – in modernen Autos sind 115, ob nun offen oder geschlossen, vollkommen wurscht – da geht auch mal 160 oder 180.

Was passt hier nicht hin?
Was passt hier nicht hin?

Auf der anderen Seite fühlt es sich ganz gut an, bei 120 Schluss zu machen, es entspannt. Vielleicht bekommt man in der autistischen Kapselung moderner Autos nicht direkt mit, wie schnell man fährt, nimmt den dadurch entstehenden Stress aber doch wahr. Das gilt es bei Gelegenheit zu überprüfen.

Ich jedenfalls bin so gestresst, dass ich irgendwann den Faden verliere. Vielleicht verliere ich den faden auch nur, weil ich entspannt und glücklich beim Fahren bin. Aber ich hab mich verfahren… Navi? Nix da. Ich klemme das Telefon zwischen Lenkradnabe und Tacho und nutze die Navigationsfunktion. Smartphones sind wirklich smart…

Ich bin irgendwie froh, als ich wieder zurück bin – aber ich fand es dennoch irgendwie toll. Eigentlich sollte ich mir einen Youngtimer leisten – nicht nur, weil das cool ist und einen auf die ursprünglichen Qualitäten des Autofahrens zurückbringt.

Es wäre vielleicht auch ganz hilfreich für meinen Job.